Alsdorf braucht das Engament der Bürger und der Politik

Hans Vorpeil, neuer Ehrenbürger der Stadt Alsdorf
Hans Vorpeil, neuer Ehrenbürger der Stadt Alsdorf

Alsdorf hat einen neuen Ehrenbürger. Im Rahmen des Neujahrsempfangs der Stadt hat Bürgermeister Alfred Sonders dem Sozialdemokraten und ehemaligen Abgeordneten des nordrhein-westfälischen Landtages, Hans Vorpeil,  die Ehrenbürgerrechte der Stadt verliehen. Der Rat der Stadt würdigt damit das jahrzehntelange aussergewöhnliche Engagement von Hans Vorpeil für seine Heimatstadt. In einer bewegenden und sehr emotionalen Rede bedankte sich der neue Ehrenbürger für die Auszeichnung. Und vehement rief er dazu auf, politisches Wirken und bürgerschaftliches Engagement in Alsdorf und für Alsdorf zu bündeln. Denn das sei die Basis für eine gute Zukunft der Stadt. Wir dokumentieren im ALSDORFblog den Wortlaut der Rede des Ehrenbürgers Hans Vorpeil:

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Alfred Sonders, werte Mitglieder des Rates
der Stadt!

Das ist für mich heute ein sehr emotionaler Moment. Wer mich kennt weiß, dass ich mit Leib und Seele ein geborener und leidenschaftlich bekennender Alsdorfer bin. Mit starken Bindungen und mit vielen Freunden und vertrauten Menschen in unserer Stadt. Weil das so ist, bedeutet mir die heutige Auszeichnung sehr viel – und sie berührt mich tief. Sie
berührt mich auch deshalb, weil die Laudatio unseres Bürgermeisters bei mir viele Erinnerungen geweckt hat. Es tauchten wieder Bilder und Erlebnisse auf, die meine emotionale Bindung an unsere Stadt geprägt haben.

Alsdorf ist für mich keine Ansammlung von Häusern und kein Netz von Straßen. Alsdorf ist meine vertraute Heimat. Hier habe ich die entscheidenden Stationen meiner Biografie erlebt und gelebt. Da war meine Kindheit in Kriegs- und Nachkriegszeiten, teils in Kellersberg, teils in Alt-Alsdorf. Ich bin menschlich geformt worden durch ein damals typisches Alsdorfer Arbeiter-Elternhaus in dritter Bergarbeitergeneration. Da sind die Erfahrungen jahrelanger Arbeit im Bergwerk – unter Tage und über Tage. Und nicht zuletzt durch das Glück der eigenen Familiengründung mit einem liebenswerten Buscher Mädchen vor fast 52 Jahren.

Das sind Stationen eines Lebenslaufs, der für viele Alsdorfer ähnlich verlief. Und dieser Lebenslauf wurde immer begleitet von einer, so erschien es uns damals, dauerhaft sicheren Existenz durch unser schwarzes Gold. Mir ist diese Erinnerung an damaliges Denken und Empfinden sehr wichtig. Denn heute ist die erste Generation in Alsdorf groß geworden, die den Bergbau nur aus Erzählungen der Eltern oder Großeltern kennt. Aber, die Kenntnis darüber, was wir einmal waren, wirtschaftlich und gesellschaftlich, die ist wichtig, damit wir Alsdorf und vor allem die heutige Situation unserer Stadt verstehen.

Fast 150 Jahre lang hatte Alsdorf den Luxus ausreichender Bergbau-Arbeitsplätze, mit sozialer Sicherheit und scheinbar unerschöpflich großen Steinkohle-Lagerstätten. Noch vor 30 Jahren glaubten viele, die schwarze Energie-Quelle dieses ehemals heiß begehrten Rohstoffs Steinkohle könne nicht versiegen, und schon gar nicht so jäh versiegen. Der
Schein war trügerisch. Das vorher Undenkbare trat ein wie ein gefürchtetes Naturereignis. Und im Aachener Revier traf es Alsdorf am härtesten.

Es war wie ein Schlag mit dem Hammer, als 1987 das endgültige Ende des Steinkohlebergbaus für unser Wurmrevier beschlossen wurde. Fünf Jahre später erloschen die Bergmannslichter bei uns für immer. Der Schock saß tief. Aber dann geschah etwas Erstaunliches. Es kam sehr schnell zu einer Trotzreaktion, und sie riss viele mit und führte zu einer in diesem Umfang nie für möglich gehaltenen Aufbruchstimmung in allen Gesellschaftsbereichen. Die Menschen in der Region hatten den festen Willen,
sich den aufgezwungenen Herausforderungen zu stellen. Das war faszinierend. Und das war zugleich mein großes Glück, damals, als junger Landtagsabgeordneter. Denn ich konnte in dieser krisenhaften Zeit diesen festen Willen, diese Entschlossenheit, politisch für unsere gemeinsamen Ziele nutzen.

Der neue Kompass aller Betroffenen zeigte in eine Richtung: Wir wollten die aus jeder Krise erwachsenden neuen Chancen unbedingt nutzen. Das war eines der entscheidenden Signale über unsere Region hinaus, um in Düsseldorf die wichtigsten Türen öffnen zu
können. Die Art, wie die Menschen in Alsdorf und auch in den anderen Städten des Nordkreises Aachen solidarisch und entschlossen dieser Krise entgegen getreten sind, das erzeugte Respekt und Anerkennung bei Landesregierung und Landtag, aber auch auf Bundesebene.

Die Erfolge eines geordneten Strukturwandels blieben nicht aus. Heute sind Alsdorf, Baesweiler, Herzogenrath und Würselen – trotz nach wie vor teils erheblicher Finanzprobleme – Vorzeigestädte eines bislang gut bewältigten Strukturwandels. Natürlich bleibt noch viel zu tun. Die schwierigste Zeit aber ist nach nur 20 Jahren in unserer Stadt
und auch im gesamten Norden der Aachener Region überwunden. Die Früchte sind für
jeden sichtbar und greifbar, der sich bewusst und vorurteilsfrei umschaut.

Und deshalb spannt sich hier auch der Bogen zur heutigen Städteregion. Denn der beispielhafte Erneuerungsprozess im ehemaligen Nordkreis ist ein Grundstein für die Städteregion Aachen. Es ist der entscheidende Grundstein, der von Baesweiler, von
Würselen, von Herzogenrath und von uns in Alsdorf gelegt worden ist. Das anzuerkennen ist Sache der Stadt Aachen. So, wie es unsere Sache im ehemaligen Kreis Aachen ist, Aachen als das Oberzentrum in unserer gemeinsamen Städteregion anzuerkennen. Wir profitieren voneinander. Der eine wird durch den anderen stark – und umgekehrt.

Wir haben das Glück und die einmalige Chance, die Städteregion als bedeutende Muster-Region aufzubauen. Wir nutzen diese Chance im Wettbewerb mit angrenzenden Regionen nur dann, wenn es uns gelingt, das Wesentliche dem Kompetenzgerangel vorzuziehen.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Politische Gestaltungskraft und politischer Gestaltungswillen können viel bewegen. Aber erfolgreich sind sie, wenn etwas Wichtiges hinzukommt. Eine Stadt hat dann eine gute Zukunft, wenn es das Zusammenspiel von politischem Gestaltungswillen und einem großen bürgerschaftlichen Engagement gibt. Ein Engagement von vielen fleißigen und kreativen Menschen, an den verschiedensten Hebeln und Stellschrauben. Von Menschen, die ihre persönlichen Möglichkeiten nutzen und sich in den Gestaltungsprozess einbringen. Auch das gehört zum erfolgreichen, vielgelobten Strukturwandel. Es sind die überwiegend auf Ehrenamtlichkeit basierenden sozialen, kulturellen und sonstigen
Bürger-Aktivitäten, die erst die Zukunfts-Investitionen in einer Gemeinde zum Erfolg werden lassen.

Ich bin sehr stolz darauf, jetzt Ehrenbürger meiner Heimatstadt zu sein. Vor allem aber bin ich stolz darauf, dass es hier bei uns in Alsdorf so viele Menschen gibt, die unsere Stadt
mit vielfältigem Engagement zu einem starken Gemeinwesen machen. Das sind Menschen, die investieren Herzblut in Vereinen, in sozialen Einrichtungen und Vereinigungen, in Kultur, Brauchtumspflege und Sport, in Gewerkschaften und auch in der Politik. Sie alle machen unsere Stadt zu einer lebens- und liebenswerten Heimat. Für sie alle nehme ich meine Verantwortung als Ehrenbürger sehr gerne wahr. Und den Wenigen, die leider nur skeptisch zuschauen, leichtfertig maulen oder nur um der Kritik willen kritisieren, denen möchte ich nach Fußballerart zurufen: Kommt endlich herunter von der Tribüne aufs Spielfeld und macht mit. Es lohnt sich.

Die ehrenamtliche Vielfalt in einer Stadt ist das Barometer für Wohlbefinden und positives Lebensgefühl in der kommunalen Gemeinschaft. Es ist die Grundlage für Heimatbewusstsein, Attraktivität und Zukunftsgestaltung. In Alsdorf zeigt dieses Barometer – um im Bild zu bleiben – auf Hoch und erzeugt für mich ein richtig gutes Gefühl, das ich in zunehmendem Maße spüre. Ich bin sicher, dieses gute Gefühl haben viele Alsdorfer mit mir gemeinsam.

Vom amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther-King stammt der Ausspruch: „Kein Problem wird gelöst, wenn wir nur träge darauf warten, dass andere sich darum kümmern.“ Ein deutlicher und auch auffordernder Spruch. Er beschreibt für mich treffend die Motivationen der engagierten Alsdorfer Bürgerschaft während der letzten 20 Jahre
bis in die Gegenwart.

Lieber Alfred, liebe Mitglieder des Stadtrates, ich danke euch für diese ehrenvolle
Auszeichnung und nehme die Ehrenbürgerschaft meiner Stadt Alsdorf mit Freude, aber auch mit großem Respekt und mit der gebotenen Verantwortung für diese Verleihung gerne entgegen. Ich denke dabei aber auch an viele Alsdorfer Weggefährten, die sich in Zeiten außergewöhnlicher Herausforderungen mit großem Engagement und Ehrgeiz um unsere Stadt sehr verdient gemacht haben. Sie werden verstehen, dass ich in meinen Gedanken den einen oder anderen der vielen Mitstreiter an diesem Ehrentitel möchte teilhaben lassen.

Sie alle, meine Damen und Herren, können sich darauf verlassen, dass ich mich jetzt nicht auf der hohen Auszeichnung „Ehrenbürger“ ausruhe. Was ich für Alsdorf tun kann, das werde ich tun. Ich bleibe engagierter Alsdorfer, mit Leib und Seele.

Ich danke Dir, lieber Alfred, für die Laudatio. Ich danke Ihnen, verehrte Anwesende für die Aufmerksamkeit während meiner Rede. Ich will meine Worte mit dem Gruß beenden, der uns seit 160 Jahren bis heute als Symbol und gutes Omen begleitet:

Glückauf, Alsdorf !

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