11. Dezember 1987: Vor 25 Jahren beschließt die Bonner Kohlerunde das Aus des Kohlebergbaus im Aachener Revier

30. September 1992: Auf der Kokerei Anna wird der letzte Ofen ausgedrückt.

„Es war ein epochales Ereignis, dass uns alle wie ein Schlag mit dem Hammer traf.“ Das Zitat ist von unserem Ehrenbürger Hans Vorpeil. Und es bezieht sich auf den 11. Dezember 1987. An diesem Tag beschloss die sogenannte „Kohlerunde“ in Bonn, bestehend aus Wirtschaftsvertretern und Politik, das Ende des Steinkohlebergbaus im Aachener Revier. In einem ebenso packenden wie beeindruckenden Bericht beschreibt Hans Vorpeil als Zeitzeuge die Stimmungslage vor 25 Jahren. Er war 20 Jahre lang Abgeordneter des nordrhein-westfälischen Landtages und leitender Mitarbeiter des Eschweiler Bergwerk-Vereins (EBV). Er ermöglicht uns einen Blick hinter die Kulissen der Politik auf Landes und regionaler Ebene. Und er erzählt die Geschichte, wie die Menschen hier zusammengestanden und sich geschworen haben: Das Ende des Bergbaus ist nicht das Ende unserer Region. Eine Geschichte, die auch für die Generation spannend ist, die den Bergbau in unserer Heimatstadt nicht mehr erlebt hat. Unser Dank gilt Hans Vorpeil und dem Pressefotografen Wolfgang Sevenich, der uns – passend zu den Aufzeichnungen – historische Fotos überlassen hat.

Vorbemerkung

Hans Vorpeil

Hans Vorpeil

Manchmal gibt es Ereignisse, die man nicht begreifen kann oder auch nicht begreifen will. Sie lösen bei den Betroffenen große Bestürzung und Verzweiflung aus. So war das auch in 1987, als der „Lichtschalter“ für den heimischen Bergbau mit einem „Verzögerungseffekt“ von fünf Jahren endgültig ausgeschaltet wurde. Der 11. Dezember 1987 wurde zum „Schwarzen Freitag“ der Aachener Region. Es war ein epochales Ereignis, dass uns alle wie ein Schlag mit dem Hammer traf.

Die Erinnerungen an diese dramatische Zeit, die vor 25 Jahren ihren Anfang nahm, habe ich als Zeitzeuge, der sich aufgrund seiner beruflichen und politischen Gegebenheiten mitten drin befand, in acht Episoden festgehalten. Ich glaube, dass meine damaligen gleichzeitigen Tätigkeiten Leitender Angestellter für Personal- und Sozialwesen beim EBV, Landtagsabgeordneter mit der Kernkompetenz Wirtschafts- und Strukturpolitik, Stadtverordneter in Alsdorf und letztlich auch noch Mitglied der IGBE dazu geführt haben, immer irgendwie an allen Entscheidungsprozessen während dieses kritischen Zeitraums vom Bergbauende bis zu den ersten sichtbaren Erfolgen des Strukturwandels mehr oder weniger mitverantwortlich beteiligt gewesen zu sein. Ich bin somit wahrscheinlich einer von wenigen Zeitzeugen,, die alle wichtigen Ereignisse hautnah miterlebt haben. Das war ein maßgeblicher Grund für mich, die aus meiner Wahrnehmung wichtigsten Erinnerungen aufzuschreiben.

Die Jahre 1987 bis 1996 könnte man für den Nordbereich der Aachener Region, insbesondere für Alsdorf als „Jahrzehnt der industriellen und strukturellen Zeitenwende“ bezeichnen. Jahrhunderte lang hatten privater Steinkohlebergbau und Landwirtschaft diesen Teil der Region geprägt. Anfang des 19. Jahrhunderts setzte dann hier an der Inde nach einer Konzession durch Napoleon die erste Industrialisierung des Steinkohlebergbaus auf dem Europäischen Kontinent ein. Es gründete sich das erste größere Bergwerksunternehmen, das auch einige Jahre später in das Wurmrevier übersiedelte. Nur in Großbritannien hatte dieser revolutionäre Prozess wenige Jahre vorher begonnen.

Die neuen Technologien, Steinkohle in großen Mengen und mit professionellen Unternehmen aus der Erde zu fördern und das aus immer größeren Tiefen, führte zu einem ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung. Die Gemeinden des sogenannten „Wurmreviers“ wuchsen in kürzester Zeit von kleinen Landwirtschaftsdörfern zu mittelgroßen Industriegemeinden.

Wohlstand und schnelles Wachstum der Bevölkerung hatten in diesen Gemeinden einen Qualitätsbegriff: Steinkohle, das Schwarze Gold! Über viele Generationen war das die wichtigste Einkommensquelle; sie schaffte Arbeit für alle, garantierte gute Löhne und bevorzugtes werkseigenes Wohnen. In dieser „umsorgenden Infrastruktur“ war es undenkbar, dass diese komfortable Situation sich ändern könnte. Man verdrängte viele Jahre alarmierende Zeichen.

Irgendwann aber hatten alle begriffen: Es geht mit unserem heimischen Steinkohlebergbau dem Ende entgegen. Am 11. Dezember 1987 kam das endgültige „AUS“ für das Wurmrevier. Ende 1992 sollte Schluss sein. Nur fünf Jahre Zeit, um den notwendigen Strukturwandel nicht nur einzuleiten, sondern auch zählbare Erfolge bis dahin zu erzielen. Das für viele Generationen vorher Unvorstellbare,  ja Undenkbare war unwiderruflich eingetreten. Die erste Reaktion: Man empfand Ohnmacht und eine nie gekannte Hilflosigkeit!

Was nun ? Kopf in den Sand stecken? Oder Ärmel hochkrempeln und sich den neuen Herausforderungen stellen? Das Letztere war der einhellige und  trotzige Wille aller Verantwortlichen. Die Politik musste handeln; auf allen Ebenen von Bund über Land NRW bis hin in jede betroffene Bergbau-Gemeinde. Und es entwickelte sich eine noch nie erlebte Entschlossenheit über die Parteigrenzen hinweg. Man hatte ein gemeinsames Ziel: Die Zeit danach als Chance für die Zukunft zu nutzen.

In diese bereits kritische Vorzeit hinein wurde ich 1985 in den Landtag NRW gewählt. Mein Wahlkreis umfasste fast genau das „auslaufende“ Wurmrevier mit den vier Bergbaustädten Alsdorf, Baesweiler, Herzogenrath und Würselen. Von Anfang an war klar, worauf sich der Schwerpunkt meiner Arbeit zu konzentrieren hatte. Ich bin in dritter Generation einer Bergarbeiterfamilie groß geworden und war zu dieser Zeit Leitender Angestellter beim Bergwerksunternehmen Eschweiler Bergwerks-Verein (EBV). Also hoch sensibilisiert für das Schicksal der Kumpel und ihrer Familien.

Ein beeindruckendes Erlebnis meiner Abgeordnetenzeit während der Jahre 1987 bis 1996 war die wunderbare Erfahrung, viele Freunde im politischen Düsseldorfer Alltag für „unser Aachener Jahrhundertproblem“ an der Seite zu wissen. Von zahlreichen Kollegen im Landtag, über viele Minister bis hin zum unvergessenen Ministerpräsidenten Johannes Rau waren alle bemüht, diesem strukturellen „Supergau“ erfolgreich zu begegnen und dem „mit betroffenen“ Wahlkreisabgeordneten Vorpeil alle politische Unterstützung zukommen zu lassen. Vieles wurde erreicht; die von Panikmachern und Pessimisten, aber auch seriösen Institutionen anfangs prophezeite Katastrophe blieb Gott sei Dank aus.

Bis Ende 1996, also nur rund neun Jahre nach dem in 1987 gefassten Beschluss zur Einstellung der Kohleförderung, waren erforderlich, das Wichtigste und Dringlichste für einen strukturellen Neuanfang mit mehreren Tausend neuen Arbeitsplätzen und vielen neuen innovativen Unternehmen zu schaffen, die rein rechnerisch den Arbeitsplatzverlust im ehemaligen Steinkohlebergbau kompensiert haben. Eine einmalige Erfolgsgeschichte, wenn man sich an die dramatisch vorgetragenen Befürchtungen der Fachleute Mitte der achtziger Jahre erinnert.

Es gibt keinen weiteren Vergleich in NRW, wo in so relativ kurzer Zeit die entscheidenden Schritte zum notwendigen und Richtung weisenden Strukturwandel  eingeleitet worden sind und wo sich die Erfolge so schnell einstellten. Es waren nicht nur die öffentlichen Mittel, die dies bewirkten. Es war vor allem die Willenskraft der Menschen einer kämpferisch eingestellten Region, die sich nicht dem unvermeidlichen Supergau ohne Gegenwehr und Alternativen hingeben wollten.

Das Letztere war die faszinierendste Erfahrung, die ich in dieser Zeit gemacht habe.

Bis heute dauert der erfolgreiche Strukturwandel an, hatte aber ab der 2. Hälfte der 90er Jahre nicht mehr die existenzielle Dramatik wie in den ersten Jahren. Es ist eine gewisse Normalität im politischen, kommunalen Alltag eingekehrt.

Ich habe versucht, die wichtigsten Stationen in der Zeit von 1987 bis 1996 mit meiner politischen Mitwirkung und Einflussnahme durch alte Unterlagen, noch vorhandene Terminkalender und persönliche Erinnerungen zu schildern, wobei jede Episode für sich eine abgeschlossene Geschichte beschreibt. Dass dabei einige zentrale Begebenheiten und entscheidende Abläufe mit gleichen Inhalten in mehreren Episoden angesprochen werden mussten, ist die logische Konsequenz für die jeweils in sich abgeschlossene Geschichte.

Fazit:

Es war harte Kernerarbeit für alle Verantwortlichen. Klare Ziele, Beharrlichkeit und der feste Wille, diese Strukturkrise zu bewältigen, waren der „Antriebsmotor“ für die Menschen unserer Heimat. Der Erfolg war die Gesamtleistung vieler solidarisch und zielstrebig agierender Menschen unserer Region.

Ich bin froh und dankbar, dass ich mit Hilfe vieler Unterstützer und mit einer großen Portion Glück bei den politischen Aktivitäten meiner Heimatregion helfen konnte und in dieser dramatischen Zeit einige „Bausteine“ in dieses „Neue Strukturbauwerk Nordregion Aachen“ mit einsetzen konnte.

Hans Vorpeil, im Oktober 2012

 

Episode 1:  Sonderprogramm Aachen – Jülich im Landtag NRW;

Plenarsitzung am 24. September 1987

30.09.1992: Kokerai Anna, letzter Ofen. Ansprache EBV-Vorstand Steinbach, daneben Meyhöfer, BR Priem, Mross und Lauffs.

30.09.1992: Kokerai Anna, letzter Ofen. Ansprache EBV-Vorstand Steinbach, daneben Meyhöfer, Priem, Mross und Lauffs.

Seit Beginn der achtziger Jahre war der verantwortlichen Düsseldorfer Politik klar, dass der Eschweiler Bergwerks-Verein ( EBV ) in naher Zukunft seine Bergbautätigkeit im Aachener Revier einstellen wird. Die vorhandenen Lagerstätten entsprachen nicht mehr den wirtschaftlichen Erwartungen und somit auch nicht mehr den energiepolitischen Vorstellungen, die eine weitere Subventionierung der Steinkohleförderung des EBV nach Auffassung der schwarz/gelben Bundesregierung rechtfertigen würde.

Nach der Enttäuschung über die (Fehl-)Bohrungen im „Settericher Graben“ zur Erschließung weiterer Lagerstätten, hatte der EBV vorsorglich einen „Basisplan 1994“ erarbeitet, der in der Bonner Kohlerunde diskutiert werden sollte als Grundlage für ein sozialverträgliches Auslaufen der Schachtanlage Emil Mayrisch in Aldenhoven. Bereits am 23. 12. 1983 war die Förderung der Schachtanlage Anna in Alsdorf eingestellt worden. Das Betriebsfeld Anna wurde mit dem Betriebsfeld Emil Mayrisch in Aldenhoven/Siersdorf zu einem Verbundbergwerk zusammen gelegt. Die ehemalige Alsdorfer Schachtanlage Anna blieb Seilfahrts- und Materialschacht; die Kokerei Anna, 2 Kraftwerke (in Alsdorf und Siersdorf ) sowie zwei Zentralwerkstätten in Alsdorf waren weiterhin tätig.

Die Gesamtbelegschaft der EBV-Betriebe in Alsdorf, Aldenhoven und Herzogenrath (Hauptverwaltung) betrug ca. 8.000 Mitarbeiter.

Vor dieser dramatischen Befürchtung des Verlustes von fast 8.000 Arbeitsplätzen, den damit verbundenen Kaufkraftverlusten der Bergbaukommunen und weiterer struktureller Nachteile, hatte die IHK Aachen ein sogenanntes „Aachen-Programm“ entworfen, als Grundlage für rechtzeitige strukturelle Hilfen durch Bund und Land NRW. Ministerpräsident Johannes Rau hatte am 22. September 1987 nochmals das Kabinett darauf eingeschworen, einen Plan zu entwickeln, der dem Aachener Revier eine Überlebenschance sichern sollte, wenn der Steinkohlebergbau im Aachener Revier beendet würde.

Vorausgegangen war ein Treffen der zehn SPD-Abgeordneten der Aachener Region aus Bund und Land mit Johannes Rau, das ich angeregt und organisiert hatte. Darin forderten wir besondere Maßnahmen in einem eigens hierfür zu entwickelnden Programm. Ziele waren: Sozialverträglichkeit für die Betroffenen zu erwirken und öffentliche Hilfen für die Region, speziell für die Bergbau-Gemeinden des Aachener Reviers zu organisieren.

Am 24. September 1987 stand im Landtag NRW der Tagesordnungspunkt „Entwicklungsprogramm für die Wirtschaftsregion Aachen“ an. Das Thema sollte innerhalb der anstehenden Debatte zur Fortschreibung der Bund / Länder-Gemeinschaftsaufgabe beraten werden.  Für die Mehrheitsfraktion SPD hatte ich den Auftrag übernommen, unsere Vorstellungen und Ziele in dieser Plenarsitzung vorzutragen. Alle Fraktionen waren sich der Dramatik bewusst. Natürlich spielte auch das IHK Aachen-Programm eine wichtige Rolle bei der Debatte.

Ausgehend von dem sich abzeichnenden Jahrhundertereignis „Baldiges Ende des Steinkohlebergbaus im Aachener Revier“, hatte die SPD-Fraktion durch mich Forderungen in die Debatte eingebracht, die in ein noch zu schaffendes Förderprogramm Berücksichtigung finden sollten.  Die Hauptforderungen der SPD-Fraktion in dieser Debatte waren:

1. Unbedingte Einbindung der Montanstädte (Bergbau- und ehemalige Bergbaustädte) innerhalb der Wirtschaftsregion Aachen, da vor allem diese unter besonderer Betroffenheit leiden würden. Diese spezifische Klassifizierung war deshalb unerlässlich, um auch das Landesprogramm „Zukunftsinitiative Montanregionen“ in einem Gesamtkonzept sinnvoll abstimmen und ausschöpfen zu können.

2. Stärkung der Hochschulen RWTH und FH sowie Forschungszentrum  Jülich. Forschung und Entwicklung sollten mit dem Ziel gefördert werden, Gründer- und  Technologiezentren als „verlängerten Arm der Hochschulen“ und als deren „Außenstellen“ zu gründen. Die neuen Infrastrukturen sollten ein Förderschwerpunkt werden. Es sollen weitere Flächen für neues Gewerbe und Industrie erschlossen werden..

3. Für die Einbindung der Kommunen und die Umsetzung von Vorhaben ist ein „Regionaler Konsens“ vorauszusetzen, damit unnötiges Konkurrenzdenken von vorn herein unterbunden wird. Bei der Gesamtkonzeption sind alle relevanten  gesellschaftlichen Gruppierungen zu beteiligen. Das Land NRW soll die Abläufe begleiten.

4. Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur vor allem mit dem Ziel, den betroffenen Kommunen optimale Voraussetzungen zu schaffen für Industrie- und Gewerbeansiedlung sowie Aufwertung der Innenstädte für die „Nachbergbauzeit“.

5. Forderung an die Bundesregierung, über ihren Einfluss in der Bonner Kohlerunde den „Basisplan 1994“ des EBV zu unterstützen. Ziel muss bleiben, dass ein sozialverträgliches Auslaufen der Bergbaubetriebe im Aachener Revier garantiert wird.

Am 11. Dezember 1987, zweieinhalb Monate später, wurde in der Bonner Kohlerunde vereinbart, die Steinkohleförderung im Aachener Wurmrevier nur noch bis Ende 1992 aufrecht zu erhalten. Der EBV-Basisplan 1994 sollte auf das Jahr 1992 vorgezogen werden. Der Schock saß tief und weckte Zweifel, ob die Stilllegungsabwicklung auch sozialverträglich geleistet werden könne. Denn diese Kern-Forderung stand über allem, sowohl beim EBV und der Gewerkschaft IGBE als auch bei der örtlichen Politik und dem Land NRW. Wie wir heute wissen, ist dies gelungen. Kein Bergman fiel ins „Bergfreie“. Der Strukturwandel hat viel Positives bewirkt und dauert bis heute erfolgreich an.

Episode 2:  Endgültig Schichtende

Das Unvorstellbare war eingetreten

11.12.1987: Niedergeschlagene Stimmung bei der EBV-Jubilarfeier im Aachener Eurogress. EBV-Vorstandsvorsitzender Meyhöfer (hinten) gibt ein Interview. Vorne MdB Schmitz (links) und MdL Vorpeil (rechts) im Gespräch mit dem späteren EBV-Vorstandsvorsitzenden Bayartz.

11.12.1987: Niedergeschlagene Stimmung bei der EBV-Jubilarfeier im Aachener Eurogress. EBV-Vorstandsvorsitzender Meyhöfer (hinten) gibt ein Interview. Vorne MdB Schmitz (links) und MdL Vorpeil (rechts) im Gespräch mit dem späteren EBV-Vorstandsvorsitzenden Bayartz.

Es war der 11. Dezember 1987; ein relativ ruhiger Freitag. Der Eschweiler Bergwerks-Verein (EBV) hatte, wie alle Jahre zu dieser Jahreszeit, seine in diesem Jahr 248 Jubilare und mindestens ebenso viele Gäste um 17.00 Uhr zur Jubilarfeier in das Aachener Eurogress eingeladen. Auch ich war sowohl als Leitender Angestellter des EBV als auch Landtagsabgeordneter Gast dieser Feier.  Normaler Weise war dies immer ein fröhliches Ereignis, worauf sich die Teilnehmer sehr freuten, um ein paar ungezwungene Stunden unter Kollegen und Bekannten verbringen zu können. So waren auch diesmal wieder diese Voraussetzungen geschaffen; der festlich geschmückte große Saal des Eurogress war gut gefüllt, die Tische einladend dekoriert. An äußeren Vorbereitungen war nichts anders als all die Jahre zuvor.

Oder doch? Der Einlader, EBV-Vorstandsvorsitzender Günter Meyhöfer, war kurzfristig am gleichen Tag nach Bonn eingeladen worden, wo die sogenannte Kohlerunde tagte. Es ging um die Zukunft der heimischen Steinkohle und somit auch um die Zukunft des EBV mit seinen Arbeitsplätzen. Das war allen Anwesenden bekannt und somit herrschte eine eigenartig bedrückende Stimmung. Jeder im Saal ahnte, dass es heute zu einer Entscheidung in dieser Kohlerunde kommen würde, die das weitere Schicksal der Steinkohle im Aachener Revier bestimmen wird. Die größe Erwartung war, dass man dem EBV, sollte es zum Schlimmsten kommen, noch genügend Zeit für ein sozialverträgliches Auslaufen der Bergbaubetriebe einräumen würde. Der dafür vom EBV vorsorglich ausgearbeitete „Basisplan“ ging von einer realistischen, unter sozialverträglichen Sicherheiten angenommenen Stilllegung frühestens Ende 1994 aus.

Wie war die aktuelle Situation? Die Kapazität der EBV-Lagerstätten war nach den erfolglosen Probebohrungen im sogenannten „Settericher Graben“ als „bald endlich“ einzuschätzen; umso mehr, was die damit verbundene wirtschaftliche Kohlegewinnung betraf. Die Bonner Politik hatte bereits seit längerem erkennen lassen, weitere Subventionierungen der Steinkohle von der nachweisbaren Wirtschaftlichkeit abhängig zu machen. Ein klares Manko für das EBV-Verbundbergwerk Emil Mayrisch in Aldenhoven/Siersdorf.

Davon abhängig waren auch die Betriebe in Alsdorf, wo die ehemalige eigenständige Grube Anna seit Dezember 1983 nur noch als Material- und Seilfahrtsanlage diente und die ehemals größte Kokerei Europas, „Anna“, mit bereits vorher eingeschränkter Kapazität Koks produzierte. Hinzu kamen noch zwei große Werkstätten und zwei Kraftwerke in Alsdorf und Siersdorf.

Der Düsseldorfer Landtag hatte sich am 24. September, also rund 7 Wochen vorher, bereits mit der Notwendigkeit von strukturellen Hilfen für die Gemeinden des Aachener Reviers befasst mit der Einschätzung, dass ein Ende der Steinkohleförderung in der Region Aachen unausweichlich näher rückt.  ( s. Episode 1 )

All diese Kenntnisse prägten die Stimmung des Jubilarabends. Man wartete auf Herrn Meyhöfer, der angekündigt hatte, am frühen Abend – nach Ende der Kohlerunde – zur Jubilarfeier zu stoßen. Das Warten auf sein Eintreffen war quälend und strapazierte die Nerven der Jubilare und der weiteren EBV-Beschäftigten sowie der vielen Ehrengäste. Man kannte zu dieser Zeit noch keine Handys, die vielleicht schon Ergebnisse vorausschicken konnten. Angespannt wurde die Eingangstür zum Saal ständig beobachtet.

Endlich betrat Herr Meyhöfer gegen 19.30 Uhr den Saal. Sein Gesichtsausdruck und seine gesamte Körpersprache waren vielsagend. Sofort steuerte er das Rednerpult an. Ohne große Umschweife wertete er das Gespräch als Niederlage für den EBV und damit für die Kumpel.

Das schlimme Ergebnis lautete: Die erwartete Mindestzeitspanne nach dem „EBV Basisplan 1994“ konnte in den Verhandlungen nicht durchgesetzt werden. Herr Meyhöfer musste als energiepolitische Entscheidung der Kohlerunde mitnehmen, dass zum Ende des Jahres 1992 die Steinkohleförderung und Veredelungsproduktion des EBV im Aachener Nordrevier endgültig eingestellt werden sollte.

Das bedeutete in Fakten: Das Verbundbergwerk Emil Mayrisch, die Kokerei Anna, die beiden Zentralwerkstätten, zwei Kraftwerke, weitere kleinere Nebenbetriebe und der Großteil der Hauptverwaltung in Herzogenrath/Kohlscheid mussten bis zu diesem Zeitpunkt geschlossen werden. Das fast 150 Jahre vom industriellen Kohlebergbau geprägte Wurmrevier mit Arbeit und Wohlstand für viele Menschen würde dann endgültig der Vergangenheit angehören.

Betroffen davon waren insgesamt fast  8.000 Beschäftigte. Davon allein mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze in Alsdorf. Zu diesem Zeitpunkt waren am Standort Alsdorf beschäftigt: Ca. 650 Kokerei Anna, ca. 450 Maschinen-Hauptwerkstatt an der Eschweiler Straße, ca. 350 Elektro-Hauptwerkstatt in der Kraftzentrale, ca. 150 Kraftwerk Anna, ca. 50 ancit-Fabrik Anna und ca. 2.500 untertage Beschäftige im Grubenfeld Anna/Emil Mayrisch, die über den Franzschacht der Grube Anna täglich an- und ausfuhren. Macht zusammen ca. 4.150 Arbeitsplätze, die in Alsdorf endgültig verloren gehen würden.

Neben den Arbeitsplätzen des EBV in Alsdorf, Aldenhoven/Siersdorf und Herzogenrath/ Kohlscheid entfielen auch die Arbeitsplätze der beim EBV ständig beschäftigten Spezialfirmen. Viele weitere Arbeitsplätze bei einheimischen Zulieferbetrieben, örtlichem Handwerk und Handel waren gefährdet. Das bedeutete ein arbeits- und strukturpolitisches Desaster für die Bergbaugemeinden in der Region.

Wie sollte und konnte in nur fünf Jahren eine sozialverträgliche Lösung erreicht werden? Wie konnte man es schaffen, keinen Mitarbeiter betriebsbedingt zu kündigen, wenn dies (rein rechnerisch) nach dem „Basisplan 1994“ erst in einem Auslaufzeitraum von sieben Jahren zu schaffen wäre? Es fehlten 2 Jahre, um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen. Diese erste Erkenntnis versetzte die Anwesenden zum Teil in einen tiefen Schock und erzeugte auch offene Wutausbrüche. Eine solch emotional aufgeladene Situation näher zu beschreiben, ist unmöglich. Diese Atmosphäre kann man nur schwer schildern. Die dabei empfundene Machtlosigkeit blockierte und ließ vorerst keine vernünftige Logik mehr gelten.

Natürlich war die Jubilarfeier nur noch Makulatur. Alle wussten, dass der EBV allein dieses Ziel nicht erreichen konnte. Diese Erkenntnis lag wie Mehltau über der restlichen Veranstaltung. Tief betroffen, teils fassungslos und mit einer Grabesstimmung schloss diese Veranstaltung. Ein ursprünglich fröhlich organisierter Jubilarabend endete mit Existenzängsten, Verunsicherung für die weitere Zukunft und vor allem mit großem Unverständnis.

Episode 3:  Der Kampf um eine sozialverträgliche Lösung

Eine beispiellose Gemeinschaftsaktion

Betriebsräte, Industriegewerkschaft Bergbau und Energie und der EBV-Vorstand verlangten in ersten öffentlichen Stellungnahmen unmittelbar nach dem „Schicksalstag 11. Dezember 1987“ entscheidende weitere Hilfe der Politik. Es sollten und mussten Wege gefunden werden, die eine sozialverträgliche Lösung garantierten. Vor allem drohte der verkürzte Zeitraum von nur fünf Jahren gegenüber dem „Basisplan 1994“, der eine Auslaufzeit von 7 Jahren erreicht hätte, den EBV finanziell zu überfordern und das Ziel zu verfehlen, die Sozialverträglichkeit für alle Mitarbeiter zu garantieren. Dazu bedurfte es weiterer finanzieller Zuwendungen durch Bund und Land NRW.( An anderer Stelle wird hierauf näher eingegangen.)

Bereits im Vorfeld des 11. Dezember war die Sorge groß, dass bei einer Stilllegung der Aachener Bergbaubetriebe eine sozialverträgliche Lösung für die Beschäftigten nicht erzielt werden könnte. Denn, dass ein baldiges Ende des Aachener Steinkohlereviers nur noch eine Frage der Zeit war, stand durch politische Äußerungen in Bonn fest. Besonders Bundes-Wirtschaftsminister Bangemann von der FDP stellte in allen Diskussionen immer wieder die marktwirtschaftlichen Zwänge vor die soziale Komponente der Beschäftigten.

So kam es im Vorfeld des Stilllegungsbeschlusses am 13. Juni 1987 zur größten jemals im Kreis Aachen durchgeführten Demonstration. Organisiert von der IGBE trafen sich am Alsdorfer Denkmalplatz an einem Samstagmittag nach einem Sternmarsch aus allen Bergbaustadtteilen und aus den Nachbargemeinden rund 8.000 Menschen. Es waren Bergleute aus dem gesamten Aachener Revier, teilweise mit ihren Familien und Freunden sowie weiteren Sympathisanten. Das Ziel war, die harte und sozialfeindliche Politik von Wirtschaftsminister Bangemann anzuprangern und deutlich Widerstand anzukündigen.

Dabei gab es fern der Demo Unterstützung aus der Politik mit NRW-Ministerpräsident Johannes Rau und dem Rest der Landesregierung, von Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, der offensichtlich die stille Rückendeckung von Bundeskanzler Helmut Kohl besaß, sowie von den Abgeordneten der Region, außer der FDP-Abgeordneten.

Damit war nach dem 11. Dezember 1987 auch die bedrückende Stimmung zu erklären; durch diese Vorgeschichte geprägt. Und auch das besondere Engagement der örtlichen IGBE bis hin zum Hauptvorstand in Bochum war von der umstrittenen Kohlepolitik der Bundesregierung geprägt.

Es wurde die konstruktive und besonders aktive Zeit der IGBE. Sie agierte überzeugend und selbstbewusst und zwang Politik, Unternehmensführung und Eigentümer ARBED zu reagieren. Durch ihren stellv. Vorsitzenden Hans Berger, der auch 1990 Mitglied des Bundestags wurde, ergriff die Industriegewerkschaft Bergbau und Energie nach der Verkündung des Stilllegungsdatums die Initiative. Mit Bundes- und Landesregierung wurde die Möglichkeit geschaffen, das sogenannte „Anpassungsgesetz“ für Mitarbeiter in der Steinkohle zu verlängern, um die Zahl der für das Anpassungsgesetz in Frage kommenden Bergleute zu erhöhen. Das förderte eine größere Anzahl Betroffener für Verlegungsangebote zu Ruhrkohlezechen der RAG. Das war zwar eine spürbare Verbesserung für das sozialverträgliche Ausscheiden der Belegschaften, würde aber leider immer noch nicht für alle jüngeren Mitarbeiter reichen.

Parallel dazu hatte der EBV-Vorstand in Übereinstimmung mit den Betriebsräten mit Hilfe der Arbeitsverwaltung und der Kammern eine „Stellenvermittlungsaktion“ für qualifizierte Mitarbeiter ins Leben gerufen. Damit sollte eine natürliche Fluktuation in die freie Wirtschaft forciert werden, wohl wissend, dass dieser Weg viele Verluste von Schlüsselpositionen und Qualitätsverlusten in den einzelnen Bergbaubetrieben nach sich ziehen würde.

Nach einer gewissen Zeit war klar, dass auch diese Aktion nicht garantieren konnte, niemanden bis Ende 1992 betriebsbedingt kündigen zu müssen. Wiederum wurde die IGBE mit Hans Berger bei der Politik vorstellig und schlug vor, das „Anpassungsgesetz“ auf die rheinischen Braunkohlenbetriebe auszudehnen. Eine genial einfache Idee, die Hans Berger nach einer unruhigen Nacht an einem frühen Morgen um 4.00 Uhr eingefallen war. Damit wäre gewährleistet, dass dort Mitarbeiter vorzeitig mit 55 bzw. 50 Jahren sozial abgesichert ausscheiden könnten und Platz machen für zu verlegende jüngere Mitarbeiter des EBV, die diese Voraussetzungen bis Ende 1992 nicht erreichen würden. Auf diese Weise konnten fast 1.200 Mitarbeiter des EBV in die Rheinischen Braunkohlenbetriebe wechseln.

Für diese „Braunkohlelösung“ der IGBE-Forderung trat auch der Aachener Bischof Klaus Hemmerle entschlossen als gesellschaftlicher Motor öffentlich ein. Er warb bei jeder Gelegenheit dafür, die Arbeitsplatzmöglichkeiten in der Braunkohle durch politische Entscheidungen zu öffnen und dadurch die Forderungen der IGBE zu erfüllen.

Dieses Engagement von Bischof Hemmerle war mutig, weil die katholische Kirche immer schon die Ausdehnung der Braunkohlegewinnung vor der Notwendigkeit der damit einhergehenden Landabtragungen als Versündigung an Gottes Natur gesehen hatte. Man erinnere sich an die harten Widerstände des Amtsnachfolgers von Bischof Hemmerle gegen die Aufschließung des Braunkohletagebaus Garzweiler II.

Die Übertragung der Anpassung auf die Braunkohlebeschäftigten war der letzte wichtige öffentliche Baustein für die Erfüllung der Garantie, keinen EBV-Mitarbeiter bei der Schließung der Aachener Steinkohlebetriebe1992 betriebsbedingt kündigen zu müssen.

Für den EBV bedeutete die Umsetzung des Gesamtkonzeptes, harte Bedingungen akzeptieren zu müssen. Es mussten verschiedene Auflagen erfüllt werden. Ein Beispiel: Gewinnverzicht bei den EBV eigenen bergbaufernen Beteiligungsunternehmen und Einsatz dieses Kapitals in einer neu zu gründenden, öffentlich begleiteten Beteiligungsgesellschaft als 100prozentige Tochter des EBV..

Die „Beteiligungsgesellschaft Aachener Region GmbH“ (BGA) wurde 1991 gegründet mit einem Beirat, dem nach Vorbedingung der Landesregierung NRW in Absprache mit dem Bund zahlreiche Persönlichkeiten der Region aus Wirtschaft, Banken und Politik angehörten. Auch zwei Vertreter der Landesregierung waren in diesem Beirat.. Diese Gesellschaft hatte die Auflage, mindestens 10 Jahre lang erfolgreich tätig sein zu müssen. Hauptziel war die Schaffung neuer Arbeitsplätze durch Beteiligungen an regionalen innovativen und wachstumsorientierten Unternehmen.

Es gelang, allein mit dieser Gesellschaft in 10 Jahren mehr als 2000 neue Arbeitsplätze zu schaffen bzw. zu sichern. Im Jahre 2001 – also nach den vereinbarten 10 Jahren – stellte, wie mit der öffentlichen Hand bei Erfolg vereinbart, die BBA ihre Tätigkeit ein.

Episode 4:  Aufbruch für neue Technologien mit holprigem Start

Oder: Man muss auch mal gegen den Strom schwimmen dürfen

Oktober 1989: TPH-Eröffnung in Kohlscheid mit (von links) MdL Vorpeil, Stadtdirektor Leesmeister, Bürgermeister Schultheis, NRW-Wirtschaftsminister Prof. Jochimsen.

Oktober 1989: TPH-Eröffnung in Kohlscheid mit (von links) MdL Vorpeil, Stadtdirektor Leesmeister, Bürgermeister Schultheis, NRW-Wirtschaftsminister Prof. Jochimsen.

Es dauerte nicht lange nach dem Stilllegungsbeschluss vom 11. Dezember 1987, da handelte die Politik. Nachdem bereits am 24. September 1987 der Landtag sich in einer Plenardebatte mit der Zukunft der Aachener Region nach der Steinkohle befasst hatte und ein Sonderprogramm für den notwendigen Strukturwandel forderte, wurde bereits Anfang 1988  das „Sonderprogramm Aachen-Jülich“ mit einem Volumen von 200 Mio Mark auf den Weg gebracht. (Anm.: Aachen-Jülich deshalb, weil Aldenhoven/Siersdorf berücksichtigt wurde). Das Programm wurde aus der Bund/Länder-Gemeinschaftsaufgabe finanziert, wobei der Bund und das Land NRW je 50% (also je 100 Mio Mark) zum Sonderprogramm beisteuerten.

Hiermit sollten neben städtebaulichen Infrastrukturverbesserungen in den Bergbaustädten auch neue „innovative“ Unternehmen und vor allem öffentliche, kommunal gesteuerte Gründer- und Technologiezentren sowie neue Gewerbegebiete gefördert werden. Ziel war, die Arbeitsplatzverluste durch Synergien mit der RWTH, der Fachhochschule Aachen und dem Forschungszentrum Jülich zu kompensieren. Eine enorme Zielvorstellung bei der Größe der zu erwartenden Arbeitsplatzverluste von bis zu 8.000 Arbeitsplätzen.

Die Region sollte im Einvernehmen mit dem Land NRW eine Planung erarbeiten und dafür einen „Regionalen Konsens“ herstellen. Dadurch sollten Konkurrenzen untereinander vermieden und eine optimale strukturelle Infrastruktur erzielt werden. Ein gutes Konzept, das vor allem den Einsatz des SPD-Wahlkreisabgeordneten Vorpeil in Düsseldorf erforderte.

Bei der Planung von Gründer- und Technologiezentren im Jahr 1988 – federführend waren neben dem Wirtschaftsministerium NRW die IHK, die AGIT und die Kölner Bezirksregierung – wurden im Nordkreis Aachen die Städte Baesweiler mit dem ITS und Herzogenrath mit dem TPH Kohlscheid als Standorte vorgesehen. Standortplanungen, für die ich massiv in Düsseldorf geworben habe. Alsdorf wurde jedoch vom „Regionalen Konsens“ nicht berücksichtigt. Begründung hierfür war das Argument, dass Alsdorf erst kurze Zeit vorher ein neues Industriegebiet im Bereich Hoengen ausgewiesen habe mit Aussicht auf lukrative Industrieansiedlung.

Das war zwar eine strukturelle Verbesserung, aber leider ohne innovativen Ansatz für Unternehmens-Gründer.Diese aus Sicht der Alsdorfer Verantwortlichen gesehene Benachteiligung war für die örtlichen SPD-Politiker und auch für mich als Landtagsabgeordneter nicht zu akzeptieren. Denn gerade in Alsdorf würde der größte Verlust an Arbeitsplätzen stattfinden. Allein die Schachtanlage Anna, die Kokerei Anna, ein Kraftwerk und beide Zentralwerkstätten lagen auf Alsdorfer Gebiet und beschäftigten mehr als die Hälfte aller in Rede stehenden wegfallenden Arbeitsplätze beim EBV (4.150 Beschäftigte in Alsdorf vor der Entscheidung am 11.12.1987).

Ich war zu dieser Zeit auch Vorsitzender des Strukturausschusses im Rat der Stadt Alsdorf. Klaus Spille war der zuständige Beigeordnete. Er bereitete nach Absprache mit mir und Zustimmung meiner Fraktion eine Vorlage für ein Gründerzentrum im Stadtteil Schaufenberg vor. Diese Planung nahm ich mit nach Düsseldorf, um sie mit NRW-Wirtschaftsminister Prof. Jochimsen zu besprechen. Mir war in diesem Moment der sogenannte „Regionale Konsens“ vollkommen egal. Nach dem Motto: Alsdorf darf nicht innovativ „abgestuft“ werden, wollte ich mit meinen besseren Argumenten Reimut Jochimsen für eine Unterstützung gewinnen.

Zu meinem großen Erstaunen brauchte ich nicht viel Überzeugungskraft bei Minister Jochimsen. Er hatte schnell begriffen, dass man Gefahr laufe, den besonders großen Alsdorfer Problemen nicht gerecht zu werden und die Stadt als zukünftigen „innovativen“ Standort „zu vergessen“. Er machte mir Hoffnung auf Förderung des Projektes, worauf wir dann im Rat der Stadt schnellstens mit der absoluten SPD-Mehrheit gegen den erbitterten Widerstand der CDU-Opposition den notwendigen Errichtungsbeschluss fassten. Die CDU-Fraktion bestand darauf, dass der einmal gefundene Konsens für die anderen geplanten Technologiezentren in Baesweiler und Herzogenrath/Kohlscheid nicht aufs Spiel gesetzt werden dürfe. Außerdem sahen sie keinen glaubwürdigen inhaltlichen Ansatz und keinen Bedarf für Alsdorf. Das war aus meiner Sicht politische Kurzsichtigkeit.

Nach dem Ratsbeschluss brachte die Verwaltung die Förderanträge schnellstens auf den Weg. Als die Medien diese Alsdorfer Initiative meldeten, begann ein Spießrutenlauf durch all diejenigen, die sich in ihrer Allmacht für den „Regionalen Konsens“ für unfehlbar und im Gegensatz den MdL Vorpeil für einen undisziplinierten und unverantwortlichen Politiker hielten. Die CDU in allen Städten des Nordkreises schrie auf und malte das Ende der abgestimmten Strukturpolitik an die Wand. Als am 8. Oktober 1988 die Grundsteinlegung für den TPH Kohlscheid stattfand, nahm mich sogar Regierungspräsident Franz Josef Antwerpes zur Seite und meinte, dass der Alleingang der Stadt Alsdorf noch unangenehme Folgen haben könnte. Weitere regionale Akteure hielten mir unverhohlen Unsolidarität vor.

In dieser aufgeheizten Stimmung, die hauptsächlich aus der CDU kam und die versuchten, IHK, AGIT und die Nachbarbürgermeister zu instrumentalisieren, gab es keine Chance, das Thema zu versachlichen. Wir hatten mit einem solchen Aufstand nicht gerechnet, waren aber weiterhin entschlossen, das Projekt durchzuziehen.

Es ist letztendlich Minister Jochimsen zu verdanken, der einige Zeit später, bei der Fortschreibung des politischen Maßnahmekatalogs, die „Regionalen Macher“ von der Notwendigkeit eines weiteren Gründerzentrums in Alsdorf überzeugen konnte. Damit war der Burgfriede hergestellt, denn mit Prof. Jochimsen und seiner erwiesenen strukturpolitischen Sachkompetenz wollte man sich nicht anlegen.

1989: Bürgermeister Helmut Janus beim ersten Spatenstich zum Innovativen Gewerbepark Alsdorf (IGA).

1989: Bürgermeister Helmut Janus beim ersten Spatenstich zum Innovativen Gewerbepark Alsdorf (IGA).

Etwa zwei Jahre später, als das Gründerzentrum mit Namen „Innovativer Gewerbepark Alsdorf“ (IGA) an der Josef-Frauenhofer-Straße mit Firmen gut gefüllt und erfolgreich lief, besuchte der CDU-Bundesminister Gerhard Stoltenberg auf Einladung der Alsdorfer CDU unsere Stadt. Man fuhr am Ende des Besuches mit einigen PKW zum IGA, um dem Minister ein erfolgreiches neues Projekt zu zeigen. Natürlich mit großem Fototermin; die ehemaligen Gegner natürlich ganz vorne beim Minister, mit breitem Erfolgslachen nach dem Motto: Nichts ist so alt wie mein Widerstand von gestern und die Leute haben das sicher längst vergessen. Wie sagte doch der große CDU-Kanzler Konrad Adenauer: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“!

Bleibt noch nachzureichen: Bei der offiziellen Eröffnung des IGA mit bereits zu diesem frühen Zeitpunkt fast 2/3 erfolgreich abgeschlossener Mietverträge, waren alle dabei: Befürworter und auch ehemalige Gegner und Bedenkenträger, fördernde und ablehnende Politiker aller Parteien und natürlich die lange Zeit skeptischen übrigen „Regionalen Macher“. Und alle waren aufgrund der guten Belegungszahlen, der zahlreichen neuen hoffnungsvollen Unternehmen und der überzeugenden Gebäude- und Konzeptgestaltung natürlich nur Sieger.

Episode 5:  Finanzielle Probleme beim Unternehmen EBV

Die Verpflichtung zur geordneten Stilllegung gerät in Gefahr

Endlich Urlaub. Es war im Juli 1990 in Südtirol/Italien. Ich hoffte, meine vor gut drei Jahren erworbene Eigentumswohnung in Schenna nach vielen stressigen, Politik geprägten Wochen und Monaten mit meiner Frau Christa wieder einmal für kurze Zeit in Ruhe genießen zu können. Seit dem denkwürdigen 11. Dezember 1987, an dem das endgültige „AUS“ für die Aachener Steinkohlebetriebe des Eschweiler Bergwerks-Verein verkündet worden war, gab es in der Folgezeit viel mehr Arbeit, wobei sich (fast) alles nur noch um diese Themen drehte.

In den vergangenen 2 ½ Jahren hatte es viele Aktivitäten, zahlreiche Gespräche mit der Landesregierung und der Gewerkschaft IGBE, mit den Kammern IHK und HK, mit der Wirtschaftsförderungsgesellschaft und vor allem mit den Betriebsräten des EBV gegeben.  Es gab zuversichtliche Ansätze, die hoffen ließen, dass das oberste Ziel, eine „sozialverträgliche Lösung“ für alle in Frage kommenden Beschäftigten zu erlangen,  erreicht werden könnte. ( s. Episode 3 )

Also, mit gutem Gewissen in den Urlaub und neue Kraft tanken für die weiteren Herausforderungen. Denkste ! Ich hatte die Rechnung ohne den EBV-Vorstand gemacht. Irgendwann klingelte in meiner Südtiroler Wohnung das Telefon, am anderen Ende war die Sekretärin von Herrn Meyhöfer, dem Vorstandsvorsitzenden des EBV.  Sie hatte einen Auftrag, den ihr der ebenfalls in Urlaub befindliche Herr Meyhöfer erteilt hatte. Ich möge doch bitte schnellstens bis spätestens Ende August (also binnen 5-6 Wochen) einen Termin mit Ministerpräsident Johannes Rau in Düsseldorf vereinbaren. Es gäbe ein „finanzielles Problem“ im direkten Zusammenhang mit der Verpflichtung zur geordneten Stilllegung und der damit angestrebten sozialverträglichen Abwicklung.

Ich erinnere mich noch genau an dieses Gespräch, denn die Worte „finanzielles Problem““ hatten mich elektrisiert und nichts Gutes ahnen lassen. Ich wurde von der Sekretärin auf Wunsch von Herrn Meyhöfer gebeten, ihn direkt in seinem Urlaubsort Oberstdorf, Hotel Sonnenalp, über meine Terminbemühungen zu informieren. Meine Einschätzung auf Erfolg war auf Grund der Sommerferien allerdings eher bescheiden.

Ministerpräsident Johannes Rau verbrachte zeitgleich seinen Urlaub in seinem Haus auf der Nordseeinsel Spiekeroog, das war mir bekannt. Und ob sein Düsseldorfer MP-Büro besetzt sein würde mit einem Entscheidungsträger für Termine, war wegen der Ferienzeit fraglich.

Jedenfalls schöner Urlaub vorerst Ade ! Die nächsten beiden Tage verbrachte ich damit, durch viele Telefonate und mit Hilfe unseres Düsseldorfer Fraktionsbüros, u. a. mit dem damaligen Pressesprecher unserer Fraktion, dem Alsdorfer Hans-Peter Thelen, jemand Verantwortlichen aus dem Büro Rau zu erreichen.  Man stelle sich die Situation vor: Das Schlimmste im Jahr für Terminabsprachen. Urlaubszeit!  Und es gab auch noch keine Handys, wenn überhaupt, dann Funktelefone. Der allgemeine Austausch von Telefonnummern solcher mobilen Telefone war nicht üblich oder nicht möglich. Man war nur auf Festnetzanschlüsse angewiesen. Und dann jemanden aus dem Urlaub im Ausland in Deutschland zu finden; ein wahres Glücksspiel.

Aus Italien waren die damaligen Verbindungen nach Deutschland meistens abenteuerlich. Es gab nicht nur schlechte akustische Telefon-Verbindungen, sondern auch manchmal Wartezeiten,  je nach Tageszeit. Schließlich erreichte ich den persönlichen Referenten von Johannes Rau, Ministerialrat Rüdiger Stallberg irgendwo privat, und ich konnte ihn von der Wichtigkeit der aktuellen EBV-Probleme schnell überzeugen. Denn die allgemeine EBV-Situation war ihm nicht fremd.

Nach Kontaktaufnahme mit seinem „Chef“ auf Spiekeroog wurde ein kurzfristiger Termin angeboten, den ich dann Herrn Meyhöfer in Oberstdorf telefonisch übermittelte. Ich war zuversichtlich, dass bei diesem vorgesehenen Treffen die Landesregierung, insbesondere Ministerpräsident Johannes Rau, die Kumpel nicht in Stich lassen würde. Mit dieser Erwartung war der restliche Urlaub dann doch noch schön und erholsam.

Episode 6:  Den Nachschlag für die Kumpel gesichert

Ein erfolgreiches Gespräch mit MP Johannes Rau

18.1.21992: Letzte Schicht auf Emil Mayrisch. Von links: MdL Vorpeil, Ministerpräsident Rau (abgewendet), EBV-Aufsichtsrat Dr. Horn, Bundesarbeitsminister Blüm, Gesamtbetriebsratsvorsitzender Priem.

18.1.21992: Letzte Schicht auf Emil Mayrisch. Von links: MdL Vorpeil, Ministerpräsident Rau (abgewendet), EBV-Aufsichtsrat Dr. Horn, Bundesarbeitsminister Blüm, Gesamtbetriebsratsvorsitzender Priem.

Es war ein Abend Anfang September 1990, als sich auf Einladung des Ministerpräsidenten Johannes Rau der EBV-Vorstand und ich als Wahlkreisabgeordneter im Dienstsitz des Ministerpräsidenten am Mannesmann-Ufer in Düsseldorf zu einem Krisengespräch trafen. Es war der während des Urlaubs als dringlich erbetene Termin. (s. Episode 5 )

MP Rau hatte Wirtschaftsminister Einert, seinen Persönlichen Referenten Stallberg und einen weiteren Staatssekretär aus dem Finanzministerium für die Landesregierung dabei. Der EBV-Vorstand war mit Vorsitzendem Meyhöfer, Kaufm. Vorstand Dr. Lauffs, Techn. Vorstand Steinbach und Arbeitsdirektor Mross anwesend.

Schnell war durch die Herren des EBV die aktuelle Situation geschildert worden. Die politisch gewollte verkürzte Stilllegungsfrist bis 1992 würde dazu führen, dass der EBV aus eigener Leistung eine geordnete und sozialverträgliche Stilllegung nicht ohne weitere Hilfen von Land und Bund finanzieren könnte. Die Probleme, die sich durch die kurze Zeitachse 1992 aufgetan hätten, ließen sich finanziell nicht allein bewältigen. Die öffentliche Hand müsste „nachschießen“. Wahrscheinlich in einem Umfang einer größeren zweistelligen Millionensumme. (Dabei war die übliche Regelung, dass der Bund  2/3 und das Kohleland NRW 1/3 der Lasten trägt).

Erstaunlich schnell erklärte sich Ministerpräsident Rau für die Landesregierung bereit, ihren Teil zu leisten, wenn der Bund ebenfalls seinen Teil leisten würde. Johannes Rau war sicher, dass alle Mitglieder der Landesregierung und auch das Parlament diese überplanmäßige Ausgabe sicher stellen würde, wenn dadurch im „Interesse der Kumpel niemand ins Bergfreie fallen würde“ (Zitat: Rau).

Wer Johannes Rau näher kannte, der wusste, dass ihm die Bergleute ans Herz gewachsen waren. Ohnehin hatte er immer ein besonderes Interesse für das Aachener Revier. Warum ? Das war sein Geheimnis. Und er hatte grundsätzlich für die Belange der Bergleute seine eigene bodenständige Art, die sich auch in der Wortwahl wiederfand. Als Beispiel hierfür galt, dass Johannes Rau grundsätzlich und überall den Gruß „Glück Auf“ verwendete. Es war eines seiner Markenzeichen und hält ihn bis heute bei den Bergleuten in guter Erinnerung.

In einem solch positiven Klima war es nicht verwunderlich, dass ein unkomplizierter Gesprächsverlauf ohne übertriebene bürokratische Floskeln und sonstigen Vorbehalte von den Vertretern der Landesregierung geführt wurde. Die Herren des EBV waren dankbar für die Anerkennung der Problematik. Ich erinnere mich noch daran, dass nach dem Gespräch bei der Verabschiedung Herr Meyhöfer ein neues „Wertegefühl für unsere gemeinsame Sache“ erwähnte, das er sich in seinen Gesprächen in Bonn auch öfter gewünscht hätte.

Der Vollständigkeit halber ist noch zu erwähnen, dass auch Bonn, natürlich unter bestimmten, mit dem Land NRW abgestimmten Auflagen, seinen 2/3-Anteil leistete. Damit war die finanzielle Sicherheit für die weitere geordnete Unternehmens-Abwicklung gesichert.

Episode 7:  Bemühungen um das „Landesentwicklungsprojekt Anna“ ;

Ein denkwürdiger Spaziergang im Broichbachtal

1995: NRW-Städtebauminister Franz-Josef Kniola (2.v.l.) informiert sich auf der Anna-Industriebrache.

1995: NRW-Städtebauminister Franz-Josef Kniola (2.v.l.) informiert sich auf der Anna-Industriebrache.

Am 05. April 1995 folgte der damalige Städtebauminister Franz-Josef Kniola meiner Einladung nach Alsdorf. Thema sollte die Zukunft des Annageländes sein; ein Schwerpunkt für mich als Kandidat in der heißen Phase des Wahlkampfs zur Landtagswahl am 14. Mai.  Als naturverbundener Mensch wünschte der Minister, diesen Besuch mit einer längeren Wanderung durch das Broichbachtal zu nutzen. Irgendjemand hatte ihm gesagt, dass in Alsdorf vor Jahren mit Förderung des Landes ein beachtliches Naherholungsgebiet mit Freizeitpark im Broichbachtal entstanden war. Das weckte natürlich die Neugierde des Städtebauministers. Da Herr Kniola am anderen Tag einen Nachmittags-Termin in Aachen hatte, wollte er sogar in einem ortsnah gelegenen Hotel übernachten.

Dankbar nahm ich diesen Wunsch als Glücksfall auf und empfahl ihm das Hotel Haus Broichbachtal am Herrenweg in Alsdorf. Die Zeitspanne von insgesamt eineinhalb Tagen kam mir sehr gelegen, weil ich natürlich mit ihm über ein mögliches „Landesentwicklungsprojekt Anna“ reden wollte. Die Landesregierung hatte bereits beschlossen, das Annagelände in einer Größenordnung von ca. 45 Hektar in den Grundstücksfond NRW zu übernehmen. Der Vertrag befand sich in den Endverhandlungen mit dem EBV und sollte in Kürze unterschrieben werden. (Was auch dann kurze Zeit später noch Ende April 1995 geschah).

Damit nicht genug, waren Stadt Alsdorf und alle regionalen Akteure der Meinung, dass man die Chance nutzen müsse, dieses innerstädtische Areal zu einer „neuen Stadtmitte“ zu entwickeln. Das ging aber nur, wenn der neue Eigentümer Land NRW dazu bereit wäre und auch langfristig die stadtplanerische Entwicklung finanzieren würde. Weder die durch das Bergbauende „geschundene“ Stadt, noch die Region wären in der Lage, ein solches Projekt zu stemmen. Erschwerend kam allerdings hinzu, dass die finanziellen Möglichkeiten des Landes von Jahr zu Jahr kontinuierlich die Spielräume verkleinerten. Eine schwierige Situation für alle Beteiligten!

Vor diesen nicht gerade günstigen Rahmenbedingungen sollte nun ein positives Gespräch mit dem Städtebauminister stattfinden. Da musste ich auch als Wahlkreisabgeordneter schon allen Mut aktivieren und verdammt gute Gründe anführen, um nicht sofort auf die Nase zu fallen. Das waren so meine Gedanken, die ich aber verdrängte, denn diese Gelegenheit, mit dem Städtebauminister beim Spaziergang im attraktiven Broichbachtal, in sehr schöner Natur zu vertraulichen Gesprächen zu nutzen (und das bewusst ohne Öffentlichkeit), durfte ich nicht verpassen. Immerhin war er vorher mehrere Jahre mein vertrauter Landtagskollege gewesen.

Nach dem Motto: Frechheit siegt, ging ich das Thema „Landesentwicklungsprojekt Anna“ forsch an. Und siehe da, Franz-Josef Kniola schien darauf vorbereitet. Jedenfalls nahm er mir sofort meine Unsicherheit und fragte mich nach konkreten Vorstellungen. Die kannte ich natürlich aus meiner Ratsfraktion, aus zahlreichen Gesprächen mit Alsdorfs Stadtdirektor Hans Puchert, mit IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Drewes und der Wirtschafts-Förderungsgesellschaft Kreis Aachen.

So wurden auf dem langen Weg von Alsdorf nach Herzogenrath (mit unerkannter Einkehr in ein Herzogenrather Gasthaus) und wieder zurück nach Alsdorf viele Möglichkeiten erörtert. Mit Blick auf die Nähe und Bedeutung des Stadtzentrums waren die später gefassten Entscheidungen im sogenannten Rahmenplan für Wohnen, Gewerbe und Park, die drei großen Diskussionsthemen, die bereits bei diesem Spaziergang die zentralen Kernpunkte unserer gemeinsamen Überlegungen waren.

1996: Ministerpräsident Johannes Rau informiert sich in Alsdorf über die fortschreitende Sanierung der Anna-Fläche.

1996: Ministerpräsident Johannes Rau informiert sich in Alsdorf über die fortschreitende Sanierung der Anna-Fläche.

Am Ende war der Minister der Meinung, dass er ein solches Projekt gut als zuständiger Ressortchef vertreten könne, aber bei ihm allein ginge das nicht, weil er soviel Direktmittel und weitere Verpflichtungen im Städtebauhaushalt nicht binden dürfe. Deshalb könne nur das Kabinett mit Ministerpräsident Johannes Rau dieses Projekt längerfristig als außerordentliche Maßnahme in Form eines „Landesprojekts“ genehmigen.  Er empfahl mir, alle Möglichkeiten zu nutzen, um Johannes Rau persönlich dafür zu gewinnen. Als Eingeweihter wusste ich, dass Ministerpräsident Rau, weshalb auch immer,  eine besondere Beziehung zur Bergbauregion Aachen hatte. Das hatte mein Vorgänger im Landtag, Hans Ferner, bereits positiv erfahren.

Also war die nächste Aufgabe für mich, alles an Einflussnahme auf den Ministerpräsidenten zu mobilisieren, was in der näheren Region Rang und Namen hatte; einschließlich der Abgeordneten-Kollegen der SPD aus Aachen, Kreis Heinsberg und Düren. Auch die SPD auf Bezirksebene, wo Wissenschaftsministerin Anke Brunn Vorsitzende war, wurde für diese Initiative „vereinnahmt“.

Persönlich habe ich mit Johannes Rau das Thema zweimal ansprechen können und bin zu meiner großen Verwunderung sofort auf Verständnis gestoßen. Nie werde ich das Treffen in seinem Landtagsbüro vergessen, wo er mir nach einem von mir pingelig vorbereiteten Vortrag, ohne groß nachzufragen sagte: „Ich werde sehen, was ich für Dich tun kann“: Das habe ich deshalb so genau behalten, weil er sagte: „….für Dich tun kann….“. Erst viel später, zu einem anderen Anlass habe ich erst verstanden, dass er mir damit bewusst eine Wertschätzung entgegen bringen wollte.

Natürlich hat er das Projekt aus landespolitischer und übergeordneter Sicht gesehen und nur vor dieser Abwägung kann sein Engagement gesehen werden. Aber wie weit sein Herz für die Bergbauregion Aachen dabei eine Rolle spielte, blieb sein Geheimnis. Jedenfalls wurde dank seines positiven Einflusses im Kabinett ein Beschluss gefasst, der das Annagelände zu einem „Landesentwicklungsprojekt“ mit längerfristiger Landesverantwortung und Förderverpflichtungen machte. Damals war diese Entscheidung für eine Stadt in der Größe Alsdorfs landesweit als „Alleinstellungsmerkmal“ in NRW bewertet worden.

Die besondere und befürwortende Rolle von Johannes Rau hat einmal sein Nachfolger im Amt, MP Wolfgang Clement, am Rande der am 12. Juni 2001 in Alsdorf durchgeführten Kabinettsitzung öffentlich mit den Worten „eines bemerkenswerten Engagement für ein Projekt durch einen Ministerpräsidenten“ erklärt.  Mein persönliches Fazit zu dieser für Alsdorf so wichtigen Stadtentwicklung:

–         Die Vorstellungen eines Anna-Entwicklungsprojektes wurden als erstmaliges Arbeitsgespräch mit einem Mitglied der Landesregierung auf einem Spaziergang zwischen Alsdorf und Herzogenrath in Details erörtert. Mit dem zuständigen NRW-Städtebauminister wurden konkrete Zielvorstellungen für ein mögliches Landesentwicklungsprojekt diskutiert und abschließend in Erwägung gezogen.

–         Die Verwirklichung war nur möglich, weil sich Ministerpräsident Johannes Rau, gegen alle sonstigen Gepflogenheiten , persönlich und gemeinsam mit  Städtebauminister Franz-Josef Kniola dafür im Kabinett „stark gemacht“ hatte. Wohl wissend, dass bei knapper werdenden Finanzmitteln auch im Landeskabinett die Verteilungskämpfe weiter zunehmen würden.

Heute, nach mehr als 17 Jahren, ist dieses Ereignis für mich noch immer das nachhaltigste politische Erlebnis meiner 20jährigen Landtagstätigkeit. Sicherlich waren andere Ereignisse – wie geschildert – ähnlich wichtig und erfolgreich. Aber das persönliche Engagement von Johannes Rau und Franz-Josef Kniola für das Zustandekommen des „Landesentwicklungsprojekts Anna“ sehe ich auch heute noch nach einem gewissen Zeitabstand als außergewöhnliche Entscheidung der damaligen Landesregierung und als den größten Glücksfall für die Alsdorfer Stadtentwicklung an.

Und die Landesregierung hat Wort gehalten. Von 1996 sind bis heute öffentliche Zuschüsse von ca. 54 Mio Euro nach Angaben der NRW Urban in die Entwicklung und Gestaltung des „Landesentwicklungsprojekts Anna“ geflossen. Darin enthalten sind auch die Förderbescheide für das neueste Projekt Energeticon mit 8 Millionen Euro. Weitere Fördermittel in zweistelliger Millionenhöhe sind für die Kraftzentrale als Ausgangsbasis für das geplante Kultur- und Bildungszentrum angekündigt;  jedoch in dieser Darstellung noch nicht berücksichtigt.

Episode 8:  Steuerungsinstrument Lenkungsgruppe Anna

Der richtige Mann am richtigen Platz

Relikte der Bergbauzeit im AnnaPark. Foto: Archiv SPD Alsdorf.

Relikte der Bergbauzeit im AnnaPark. Foto: Archiv SPD Alsdorf.

Ebenfalls beim Broichbachtal-Spaziergang sprach Franz-Josef Kniola für den Fall, dass das Landesentwicklungsprojekt Anna Wirklichkeit werden sollte, das Thema notwendige landespolitische Begleitung an. Zum ersten Mal hörte ich von ihm seine Idee, eventuell eine Lenkungsgruppe dafür zu installieren, vorausgesetzt, die Stadt würde dies begrüßen. Da ich diesen Gedanken für eine gute Idee hielt und gerne verwirklicht sehen wollte, fragte ich Herrn Kniola, ob ich als Wahlkreisabgeordneter offiziell die Landesregierung anschreiben solle, um eine baldige Entscheidung zu erwirken.

Er stimmte dem zu und riet mir, den MP (Ministerpräsident Rau) anzuschreiben. Wenn der MP dies befürworte, hätte er (Kniola) großen Rückhalt für künftige Entscheidungen im Interesse der Flächenentwicklung. Als ich ihn nach seinen personellen Vorstellungen zur Besetzung eines solchen Gremiums fragte, meinte er, dass aus Sicht des Landes neben Vertretern der Stadt Alsdorf, der Region und des Landes NRW die Leitung dieses Gremiums in der Regel durch den Stadtdirektor der Standortgemeinde (hier Alsdorf) gestellt würde.

Ohne lange zu überlegen, habe ich sofort meine Bedenken angemeldet. Der damalige Stadtdirektor Hans Puchert ( SPD ) war noch für zwei Jahre gewählt und würde nach meinen Informationen bei der ab 1994 bestehenden CDU / GRÜNE- Mehrheit im Rat der Stadt Alsdorf keine Chance auf Wiederwahl in 1997 haben. Damit wäre bereits ab 1997 eine Nachfolge erforderlich, die für eine jetzige Entscheidung eine große „Unbekannte“ beinhalten würde. Spontan plädierte ich deshalb für den Vorsitz durch einen sachkompetenten Landesvertreter. Ich hatte dabei den Hintergedanken, das Land NRW so verantwortlich wie irgend möglich einzubinden. Der dadurch entstehende Erfolgsdruck für die Landesregierung konnte der Stadt Alsdorf mit ihren Zielen nur recht sein. Diesen Hintergrund sprach ich aber beim Minister nicht an. Das war schließlich eine Strategie ausschließlich im Interesse der Stadt Alsdorf.

Minister Kniola war etwas verwundert, aber einsichtig für meine Bedenken und Argumente. Schließlich stimmte er zu und meinte, da müsse dann jemand aus seinem Haus den Vorsitz übernehmen. Das wäre zwar ungewöhnlich, aber schließlich könne niemand etwas dagegen haben. Er wolle, wenn dann die Entscheidung für das Landesentwicklungsprojekt Anna gefallen sei, einen offiziellen Personal-Vorschlag machen.

Inoffiziell sind wir so verblieben, dass er mir sehr früh einen Namen aus seinem Haus nennen würde und ich ausloten sollte, ob diese Person dann für Alsdorf und die Region „die Richtige“ sei. Ich fühlte mich sehr geschmeichelt, an diesem Prozess so eng beteiligt zu sein. Es war auch eine kluge Vorgehensweise von Kniola, sich des Zuspruchs der Betroffenen vor Ort im Vorfeld der offiziellen Entscheidung sicher sein zu können.

Hat viel für Alsdorf getan: Ministerialdirigent a.D. Hans-Dieter Collinet. Foto: Archiv SPD Alsdorf.

Hat viel für Alsdorf getan: Ministerialdirigent a.D. Hans-Dieter Collinet. Foto: Archiv SPD Alsdorf.

Einige Tage nach dem Broichbachtal-Spaziergang hörte ich von Minister Kniola im Landtag zum ersten Mal den Namen Collinet, der als Ministerialrat und Gruppenleiter im Städtebauministerium arbeitete. Er sei aus Aachen, habe in Stolberg in der Verwaltung einige Jahre gearbeitet. Ich solle ihm doch bitte ein Signal geben, wenn ich glaubte, dass Herr Collinet der „Gewünschte“ sei, schließlich hätten wir noch etwas Zeit.

Ich kannte Herrn Collinet  nur durch zufällige Begegnungen auf den Fluren des Landtags; persönlich hatten wir bis dahin noch keinen Kontakt gehabt. Ich war in keinem Ausschuss, an dem Herr Collinet für die Landesregierung regelmäßig teilnahm. Bei der Wichtigkeit dieser Personalentscheidung wollte ich natürlich Näheres über Herrn Collinet in Erfahrung bringen. Denn schließlich sollte die Lenkungsgruppe das entscheidende Gremium für eine erfolgreiche Entwicklung werden.

Mein damaliger Landtagskollege Martin Stevens, zu dessen Wahlkreis auch die Stadt Stolberg gehörte, wurde von mir gebeten, aufgrund seiner Kontakte Erkundigungen einzuholen. Die Auskunft durch Martin Stevens war nach sorgfältiger Recherche sehr zufriedenstellend, auch waren meine SPD-Kollegen im Ausschuss für Städtebau des Landtags voll des Lobes über Herrn Collinet.

Da ich Stadtdirektor Puchert aus nachvollziehbaren Gründen nicht um Rat fragen wollte,  habe ich dann vertraulich mit dem damaligen Stadtdirektor Leesmeister aus Herzogenrath, einem gelernten Stadtplaner und Architekten, sowie mit Stadtdirektor Härchen aus Eschweiler, einem erfahrenen und allseits geschätzten Verwaltungsfachmann, über diese mögliche Personalentscheidung gesprochen. Zugegeben, beide gehörten meiner Partei an; für mich aber waren diese Gespräche vor allem ein Grund für eine gesicherte Vertraulichkeit. Da alle Erkundigungen zufriedenstellend waren, habe ich Minister Kniola das Ergebnis mitgeteilt.

Zwischenzeitlich hatte ich eine positive Antwort von MP Johannes Rau auf mein Schreiben zum Wunsch der Einrichtung einer Lenkungsgruppe erhalten. Es ist dann zu der offiziellen Entscheidung der Installierung der „Lenkungsgruppe Anna“ gekommen, mit Vorsitz durch das Land NRW, vertreten durch Ministerialrat Hans Dieter Collinet.

Die erste Sitzung der Lenkungsgruppe Anna erfolgte am 05. Juli 1995. In der Folge nahm diese sofort die „Steuerung“ der wichtigsten Vorhaben in die Hand. Es entwickelte sich eine rege Betriebsamkeit auf der Annafläche, nicht zuletzt auch durch die Beteiligung der Landesentwicklungsgesellschaft NRW, die im Auftrag des Eigentümers Grundstücksfond NRW die Treuhänderschaft für das Land übernahm.

Übrigens: Wie richtig die Entscheidung für den Landesvorsitz in der Lenkungsgruppe war, wurde allen Akteuren einige Zeit nach Amtsaufnahme des neuen Stadtdirektors Wolfgang Schwake im Jahre 1997 bewusst. Während der CDU-Politiker Dr. Willi Linkens, damals Stadtdirektor in Baesweiler, den Kontakt zum SPD-Landtagsabgeordneten im Interesse der Region pflegte, brach Alsdorfs neuer Stadtdirektor Wolfgang Schwake (CDU) die Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung und Landtagsabgeordneten ab. Wahrscheinlich aus parteipolitischer Motivation heraus. Im Gegensatz zu allen anderen verantwortlichen Stellen in der Region.

Da aber das Land NRW alle Förderprogramme und alle Grundsatzentscheidungen für das Annagelände zu verantworten hatte, ließ mich diese Posse kalt. Die generelle Landessteuerung und meine guten Kontakte zur Landesregierung gaben mir genügend Möglichkeiten, für den strukturellen Wandel in Alsdorf etwas zu erreichen und ihn mit diesen Möglichkeiten zu begleiten.

Persönliche Anmerkung: Wer in einem öffentlichen Amt oder bei einem politischen Mandat zuerst die Partei und nicht die Sache mit den dahinter stehenden Menschen – egal welcher demokratisch/politischen Meinung – als erste Priorität sieht, der ist für öffentliche Aufgaben mit der gebotenen Verantwortung nicht geeignet.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass die allgemeine Zusammenarbeit mit den Städten des Nordkreises Aachen (meinem Wahlkreis) immer gut und von viel Gemeinsamkeit und Vertrauen getragen wurde. Und das immer ohne Ansehen der Person und deren Parteizugehörigkeit. Das galt selbstverständlich auch für meine Heimatstadt Alsdorf in besonderer Weise, aber leider nur bis 1997.

Zurück zur Lenkungsgruppe: Heute, nach fast einer Generation sehr positiver Einflussnahme der Lenkungsgruppe Anna auf die einzelnen Entwicklungsschritte des Anna-Geländes, ist das Ergebnis eine einmalige Erfolgsgeschichte für Alsdorfs Stadtentwicklung und eine Bereicherung für die Region. Viel hat die Stadt dem „geistigen Vater“ Hans Dieter Collinet zu verdanken, der den Vorsitz dazu nutzte, immer wieder neue und kreative Ideen einzubringen und zudem das Tempo trotzdem hoch zu halten. Und natürlich für die nötige finanzielle Förderung zu sorgen. Er war der richtige Mann am richtigen Platz. Lob gilt auch der LEG als praktischem „Umsetzer“ im Erneuerungsprozess.

Skulptur im AnnaPark. Foto: Archiv SPD Alsdorf.

Skulptur im AnnaPark. Foto: Archiv SPD Alsdorf.

Da alles grundsätzlich Entscheidende im Laufe der nachfolgenden 14 Jahre abgearbeitet worden war, wurde die Tätigkeit der Lenkungsgruppe in 2009 eingestellt. Aus heutiger Sicht war es eine kluge Entscheidung durch das Land NRW, Hans Dieter Collinet als Vertreter des Landes Nordrhein-Westfalen den Vorsitz der Lenkungsgruppe zu übertragen. Was damals keiner voraussehen konnte; es war einer der erfolgreichen Wege zum Gelingen des  „Landesentwicklungsprojekts Anna.

 

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2 Antworten auf 11. Dezember 1987: Vor 25 Jahren beschließt die Bonner Kohlerunde das Aus des Kohlebergbaus im Aachener Revier

  1. Günther Wollik sagt:

    Das ist eine sehr gute Sache. Ich kann mich noch an vieles erinnern. Damals bin ich von Alsdorf ins Ruhrgebiet weggezogen. Deshalb schaue ich immer mal gerne hier nach, was so in meiner alten Heimatstadt läuft. Die Verbundenheit bleibt ja immer.

  2. Barbara sagt:

    Das ist ja mal echt eine starke Nummer! HerzlichenGlückwunsch zu diesem Bericht. Vielen Dank Herr Vorpeil, dass Sie die Erinnerung an unsere Vergangenheit wachhalten.

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